Ausstellung in Medicke NL Berlin: Konstruktiv – Konkret. Die Kunst des Individuellen Realismus

Von 6. Juni 2017News

Am 1. Juni 2017 eröffnete in der Galerie Object40 in Berlin die Kunstausstellung „Konstruktiv – Konkret“. Sie befindet sich im Erdgeschoss der Medicke-Niederlassung in der Schlüterstraße 40. Zu sehen sind u.a. Werke von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht, in den 1960er Jahren Begründer der seriellen Systeme in der Kunst am Bau.

„Schwerpunkte der Ausstellung sind Malerei und Grafik sowie Metallplastiken, die sich als ein Spezifikum konstruktiv-konkreter Kunst in Ostdeutschland herausstellen“, so charakterisiert Galeristin Sabine Tauscher das Ausstellungsthema. Neben Werken aus den Jahren vor 1989/90 sind auch Arbeiten der letzten Jahre zu sehen. Diese zeigen, so Sabine Tauscher, „die konsequente Weiterentwicklung dieses Künstlerkreises bis in die heutige Zeit.“ Die meisten dieser Künstler gehörten nicht zum offiziellen Kanon der DDR-Kunst.

Kunst am Bau: Dresdner Kreis

Zwei Künstler des Dresdner Kreises, deren Werke in der neuen Ausstellung zu sehen sind, haben in ihrem Oevre traditionsreiche Verbindungslinien zur Architektur der modernen Fassade: Karl-Heinz Adler (geb. 1927) und Friedrich Kracht (1925-2007). Ab 1968 entwickelten sie gemeinsam mit anderen Künstlern und Wissenschaftlern ein serielles Betonformsteinsystem für die Fassaden- und Wandgestaltung. Aus 12 Grundelementen ließen sich durch diverse Kombinationen vielfältige organische Formen generieren.

Damit gehören Adler und Kracht zu den Mitbegründern der sogenannten „Ostmoderne“ (Niklas Maak). „Kunst am Bau war damals unter dem Diktum der DDR-Mangelwirtschaft ein faszinierendes Konzept. Heute knüpfen Architekten und Fassadendesigner wieder an diese Traditionen an, wenn auch unter ganz anderen technischen und wirtschaftlichen Bedingungen“, sagt Geschäftsführer Marcus Medicke.

In ostdeutschen Städten wie Bautzen, Berlin, Dresden, Chemnitz, Halle, Jena und Zwickau sind noch Fassaden und Wände auf Freiflächen erhalten, die mit seriellen Betonformsteinen gestaltet wurden, um die Monotonie industriellen Bauens zu durchbrechen. Prof. Dr. Niels-Christian Fritzsche, Inhaber der Professur für Darstellungslehre an der Technischen Universität Dresden, forscht seit einigen Jahren zu diesem Thema: „Bauzeitlich retten die Formsteinsysteme viele industriell vorgefertigte Wohn- und Bürogebäude vor der architektonischen Banalität. Aus heutiger Sicht dürften einige dieser Bauten nur wegen ihrer bauplastischen Besonderheiten überlebt haben“ (Fritzsche, 2010, S. 294).

Karl-Heinz Adler wird 90 Jahre

Das Kunstschaffen von Karl-Heinz Adler erlangt derzeit bundesweit und international hohe Aufmerksamkeit. In Ausstellungen (u.a. in Berlin, Budapest, Dresden), auf Symposien und in Publikationen gibt es Retrospektiven auf sein Werk. Adler lebt und arbeitet in Dresden. 2008 erhielt er den Kunstpreis der Stadt Dresden für sein künstlerisches Gesamtschaffen. Er ist bis heute Mitglied der Genossenschaft „Kunst am Bau“. Am 20. Juni 2017 wird Karl-Heinz Adler 90 Jahre alt.

Renaissance des seriellen Betonformsteins

Mit dem aktuellen Trend des modularen und industriell vorgefertigten Bauens erwacht neues Interesse an individueller Gestaltung mit Beton. „Derzeit erleben wir neben dem transparenten Bauen mit Glas in der Architektur der Fassade eine Renaissance von Elementen und Ornamenten aus Beton. Neue Leichtbautechnologien und Montagesysteme ermöglichen hier völlig neue Nutzungs- und Designkonzepte. Auf diesem Feld werden wir in den nächsten Jahren viele Innovationen sehen“, prognostiziert Kristin Laass, Designerin in der Fassadenentwicklung bei Medicke.

Die Werke folgender Künstlerinnen und Künstler werden noch bis zum 29. Juli in der Galerie Object40 gezeigt: Karl-Heinz Adler, Klaus-Joachim Albert, Peter Albert, Klaus Dennhardt, Ralph Eck, Bernd Hahn, Günther Hornig, Friedrich Kracht, Manfred Luther, Wilhelm Müller, Wolfram Schneider, Helmut Senf, Inge Thiess-Böttner und Wolff-Ulrich Weder.

Öffnungszeiten: Di – Fr 12:00 – 18:00 Uhr, Sa 12:00 – 16:00 Uhr und nach Vereinbarung, www.object40.com

Weitere Informationen: www.karl-heinz-adler.de und www.kunst-am-bau-ddr.de

Literatur: Niels-Christian Fritzsche: Ornament, Betonelemente und der Klassizistische Traum von der Autorität der Wand, in: Reinhild Tetzlaff (Hrsg.), Marginale Blätter. Texte zur Kunstgeschichte, Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2010, S. 289-298.

(Fotos Ausstellung: Ulrike Pennewitz; Historische Aufnahmen: Archiv Adler)