Refurbishment: Trend im urbanen Wandel – Denkmal-Projekt „The Post“ Leipzig

Von 16. Juni 2017News

Unsere Städte sind im Wandel. Städteplaner und Immobilienentwickler suchen nach kreativer Optimierung, nachhaltiger Modernisierung und wirtschaftlicher Neupositionierung von Gebäuden. Refurbishment heißt immer häufiger das Instrument, mit dem Bestandsbauten modernisiert anstatt Flächen komplett neu bebaut werden.

Bei einer angestrebten baulichen Umgestaltung wird zwar ein Teil der vorhandenen Substanz des Gebäudes erhalten, aber im Gegensatz zu einer Sanierung viel von der inneren Architektur entfernt. So können etwa Technik, Raumhöhe oder Dämmung auf den neuesten Stand gebracht werden. Die bauliche Umgestaltung beinhaltet dabei sowohl baulich-konstruktive als auch ausstattungstechnische Maßnahmen. Ziel der Eingriffe ist es, das Objekt durch bauliche Ertüchtigung und durch Nutzungsänderung erneut marktfähig zu machen.

Stadtumbau als globaler Trend

Eine besondere Note erhält so ein Refurbishment-Projekt, wenn es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäudeensemble handelt. Ein prominentes Beispiel dafür ist die derzeit laufende Revitalisierung der ehemaligen Hauptpost am Augustusplatz in Leipzig. Das Postgebäude wurde von 1961 bis 1964 nach Entwürfen von Kurt Nowotny, dem Chefarchitekten im Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR, erbaut und bis 1992 auch als Hauptpost genutzt. Die Schalterhalle war sogar bis 2011 im Servicebetrieb. Es gilt als eines der Hauptwerke der DDR-Moderne und steht deshalb unter Denkmalschutz. Der Form und der Konstruktion nach ist es ein quaderförmiger, 110 m langer Stahlbetonskelettbau mit Sichtbeton, Glas und Stahl als Vorhangfassade.

Das Quartier der ehemaligen Hauptpost gegenüber dem City-Hochhaus, dem Gewandhaus, der Paulinerkirche und dem Opernhaus mitten im Herzen von Leipzig erlebt jetzt seine Wiederauferstehung als multifunktionales Gebäude. Dafür entwickelte Medicke eine komplexe Fassadenlösung im Rahmen eines äußerst anspruchsvollen Denkmalschutzkonzeptes. Die Baumaßnahmen befinden sich derzeit mitten in der Umsetzung.

Gerade Großstädte wie Leipzig, die rasant wachsen, müssen sich Gedanken über die zukunftsfähige Nutzung bestehender Bausubstanz machen. Neue Arbeits- und Wohnwelten brauchen andere Räume, neue Konsum- und Marken-Welten wollen neues Ambiente am Point of Sale. Eine Mischung aus Arbeiten und Wohnen, aus Einzelhandel und Gastronomie, aus Erlebnis und Freizeit, aus Bildung und Gesundheit inszeniert das neue Lebensgefühl von Urbanität. Der Flächenbedarf in den Städten wächst, aber häufig ist er von kleinteiligerer Struktur, allerdings in seinen Nutzungsmöglichkeiten flexibel ausgelegt. Das erfordert völlig neue Konzepte, um Immobilien wirtschaftlich betreiben zu können.

Projekt „The Post“ Leipzig: Vom Denkmal zum „Lebendigen Haus“

Ein solches Konzept ist das des „Lebendigen Hauses“, welches im Projekt „The Post“ derzeit umgesetzt wird. Wohnen, Arbeiten, Shoppen und Genießen – das alles findet unter einem Dach seinen Platz: die Handelsflächen, die Gastronomie und die Büros finden sich zukünftig im unteren Doppelgeschoss (Ebenen 0 und 1). Ein klassischer Hotelservice mit Restaurant, dazu 150 Hotelzimmer mit Service-Apartment-Ausstattung sowie Wohn-Apartments schließen sich auf 5 Ebenen darüber an (E2-E6). Zusätzlich wird im Dachgeschoss eine Skybar, eine Lounge, ein Tagungszentrum sowie ein Concierge-Dienst eingerichtet (E7). Es ist das erste Haus dieser Art in Leipzig.

Beim Projekt „The Post“ handelt es sich um eine denkmalgeschützte Sanierung. Das heißt, die Form und die Optik des Gebäudes vom Beginn der 1960er Jahre muss bei allen Modernisierungsmaßnahmen erhalten bleiben. Gleiches gilt in der Regel für die Funktionen am und im Gebäude, insbesondere für die Fassade. Allerdings ist es hier oftmals so, dass aufgrund moderner Bauvorschriften Kompromisse eingegangen werden müssen. Dabei sollten Investor, Planer, Bauunternehmen und Denkmalschutzbehörden tragbare Kompromisse finden.

Genau an dieser Schnittstelle war bei diesem Vorhaben die spezielle Kompetenz von Medicke im Fachgebiet Denkmalschutzsanierung von Fassaden gefragt. Eine der Hauptfragen war: Wie rekonstruiert man historische Fenstergeometrien, die ursprünglich in Stahl gefertigt worden waren, mit modernen Aluminium-Materialien sowie nach zeitgemäßen technischen Standards und Normen?

Vom Start bis zur Ziellinie: Planerische, technisch-konstruktive und wirtschaftliche Lösungsansätze von Medicke

Die Projektarbeit begann mit einer kompletten Bestandsaufnahme der Fassade. Sämtliche Aufmaße, die Begutachtung der Statik, alle verbauten Materialien sowie der Zustand der historischen Gebäudesubstanz bildeten die Grundlage für eine detaillierte Planung, für die Medicke zu hundert Prozent verantwortlich zeichnete. Schritt für Schritt wurde das Konzept für die Fassade mit allen Partnern – Investor, Architekt, Stadtplanungsamt, Denkmalschutzbehörde und Baugewerke – entwickelt, abstimmt und umgesetzt. Medicke erbringt dabei die komplette Leistung für das Bauteil Fassade: Bestandsaufnahme, Planung, Kalkulation, Abstimmungs- und Genehmigungsverfahren, Produktion, Logistik und Transport, Baustellenplanung, Montage und Reinigung.

Eine Sonderlösung für die Front-Fassaden

Für die zwei das Stadtbild prägenden Fassadenansichten, und zwar die in Richtung Augustusplatz (Westen) und Grimmaischer Steinweg (Süden), waren ca. 1.800 qm Verbundfensterfassade aus Sonderprofilen zu produzieren. Ursprünglich waren in diese herausstehenden Monitor-Fassaden (Ebene 2-5) an der West- und Südseite Fenster aus Stahl eingebaut, die als Wendeflügel (Schwingflügel) konstruiert waren. Die vorhandenen Beschlagsysteme gibt es in dieser speziellen Form so nicht mehr im Markt. Außerdem bestehen bei Wendeflügelkonstruktionen Nachteile bei der Wärmedämmung und beim Schallschutz. Eine Sanierung des Bestandes kam aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage.

Die Planer von Medicke entwickelten deshalb den Vorschlag, die Konstruktion auf das Drehflügelprinzip zu ändern. Gleichzeitig blieben alle Grundmaße der Profile erhalten, sowohl in Höhe, Breite und Tiefe. Die Funktionsänderung aus Modernisierungsgründen unter gleichzeitiger Beibehaltung der Form und der optischen Gestalt der Fenster konnte die Denkmalschutzbehörde nach ihrem Ermessen genehmigen. Auch bei Beachtung aller Denkmalschutzvorgaben gilt: Das fertige Gebäude muss allen zeitgemäßen Baunormen bei Statik, Wärmedämmung und Schallschutz entsprechen.

Beide Monitor-Fassaden wurden wieder nach dem Prinzip der Verbundfassade rekonstruiert, die die ursprüngliche Monoverglasung wiederherstellt und von oben bis unten, von rechts nach links komplett durchläuft. Die Funktionsebene, d.h. die Verbundfenster in Drehflügelbauweise, wurde dahinter gebaut, sodass alle Vorgaben für Wärmedämmung und Schallschutz gegeben sind. Dabei wurden Profile aus Aluminium verwandt, nicht mehr aus Stahl. Weitere ca. 700 qm Fenster und Türen aus Aluminium werden im Erdgeschoss verbaut, wo die Handelsflächen (Ebene 0 und 1) entstehen sollen.

Eine andere Lösung für die Hofseite

Ganz andere Lösungen erforderte die Hofseite des Gebäudes (Osten). Die Gebäudehülle im Innenhof erhält ca. 1.200 qm Fensterbänder aus Sonderprofilen, die ebenfalls in Stil und Optik den Stahlfenstern aus den 1960er Jahren nachempfunden werden. Hier waren die Anforderungen an den Schallschutz zwar nicht so hoch, da die Hofseite komplett von Straßen abgewandt ausgerichtet ist. Die Herausforderung war allerdings bei den Fenstern dieses Fassadenabschnittes, die besondere Profilgeometrie in Form und Optik 1:1 nachzubilden.

In die Außenschale eines Schüco-Standardsystems aus Aluminium wurde mittels eines Pressverfahrens eine doppelte Nut eingearbeitet. So entstand die ursprüngliche Optik wieder, die Wärmedämmung konnte erheblich verbessert werden. Die statischen Anforderungen wurden trotz des Materialwechsels von Stahl auf Aluminium erfüllt, indem an die Innenschale des Aluminium-Fensterprofils weitere Statikprofile aus Aluminium angeformt wurden. In der äußeren, d.h. denkmalrelevanten Ansicht sind diese Statikprofile natürlich nicht wahrnehmbar. Eine Ausfertigung der Fenster an der Hofinnenseite in Stahl hätte ein aufwändiges Walzverfahren erfordert, dass allerdings wirtschaftlich nicht realisierbar gewesen wäre.

Der Kompromiss in dieser baulichen Lösung zeigt beispielhaft, wie eine Annäherung aller Beteiligten gut gelingen kann, sowohl seitens des Denkmalschutzes (Optik und Form) als auch seitens des Bauherrn (Finanzierung) und des Fassadenplaners/-produzenten (technische Machbarkeit). Obwohl an beiden Straßenfassaden und an der Hoffassade ausschließlich Sonderlösungen gefragt waren, ließen sich Produktion und Montage aller Fassadenkomponenten dank des Know-hows und der Erfahrung des Medicke-Teams in wirtschaftlich vertretbaren Grenzen realisieren. Entscheidend für das Gelingen solcher Projekte ist die ingenieurtechnische Expertise und Erfahrung, sowohl in der Werkplanung als auch in der Projektumsetzung.

Im Original erhalten geblieben: Sanierung der Treppenhäuser

Einzig in den Treppenhäusern wurden die originalen Bestandsfassaden aus Stahl aufgearbeitet (ca. 500 qm). Nach der Ausglasung erfolgte eine komplette Reinigung, bei der z.B. Verwitterungsspuren und Grafitti entfernt wurden. An die Innenseite der Treppenhausfassade werden wie auf der Hofseite neue Statikprofile angebracht, die Außenseite aber bleibt im Originalzustand. Eine neue Einglasung ist notwendig, da das alte Glas aus dem Jahr 1962 nicht mehr zu verwenden war.

Der Baustand im Projekt sieht derzeit wie folgt aus: Die Montage der Fenster an den beiden Monitorfassaden ist abgeschlossen. Ein Treppenhaus ist bereits fertig saniert und auf der Hofseite sind die Fenster montiert. Im August folgt das Dachgeschoss mit der Skybar, wofür ca. 800 qm Pfosten-Riegel-Fassade mit Fenstern und Türen als Einsatzelemente mit großformatigem Glas (B 1,30 m x H 5,00 m) vorgesehen sind. Im Frühjahr 2018 wird das Projekt komplett abgeschlossen sein.

Neubau an der Ostseite: Motel One

Außerdem wird neben „The Post“ ein straßenseitig sichtbarer Neubau an der Ostseite errichtet, der sich unmittelbar anschließt und anstelle des alten Telegrafenamtes steht. Dies wird ein weiteres Domizil für ein Hotel der Marke Motel One, die bereits mit einem Haus in Leipzig vertreten ist. Für beide Objekte realisierte bzw. baut Medicke noch die Fassade.

Bauherr: The Post Development GmbH, Unterkarpfsee 22, 83670 Bad Heilbrunn

Bauordnungsamt: Stadt Leipzig, Amt für Bauordnung und Denkmalpflege, Prager Straße 118, Haus C, 04317 Leipzig

Stadtplanungsamt: Stadt Leipzig, Stadtplanungsamt, Martin-Luther-Ring 4-6, 04109 Leipzig

Denkmalpflege: Landesamt für Denkmalpflege, Schloßplatz 1, 01067 Dresden

Architekt BT1: denkmalneu Planfabrik GmbH, Am Schloßplatz 2, 83646 Bad Tölz

Architekt BT2: Fuchshuber Architekten GmbH, Katharinenstraße 11, 04109 Leipzig

Projektleitung: denkmalneu Planfabrik GmbH, Grimmaische Str. 21, 04109 Leipzig

Fassade: Medicke Metallbau GmbH, Auestraße 123, 08371 Glauchau

(Fotos/Zeichnungen: Medicke; Visualisierung: FUCHSHUBER ARCHITEKTEN)